Fertilitätserhalt nach Brustkrebs

 
 

Das Mammakarzinom zählt zu den häufigsten Krebserkrankungen der Frau. In Deutschland erkranken ca. 55.000 Frauen jährlich an einem Mammakarzinom. 10 % dieser Patientinnen sind unter 40 Jahren. Da sich die Heilungsaussichten und Überlebensraten bei onkologischen Erkrankungen insbesondere bei jungen Frauen deutlich gebessert haben, muss deshalb auch im Rahmen der onkologischen Therapie frühzeitig vor Beginn einer Chemotherapie über den Fertilitätserhalt gesprochen werden.   

Auch aus psychologischen Gründen ist es für die Patientin äußerst wichtig, über den Fertilitätserhalt zu sprechen, da ihr dadurch eine Perspektive für die Zukunft gegeben wird und sie nach Abschluss der onkologischen Therapie über ihre Familienplanung nachdenken kann. Durch die Chemotherapie kommt es zu einem Follikelverlust in den Eierstöcken, wodurch die Funktion der Eierstöcke frühzeitig eingestellt wird. Es stehen dann für einen späteren Zeitpunkt keine Follikel mehr mit befruchtungsfähigen Eizellen zur Verfügung, sodass der Kinderwunsch dann trotz des jugendlichen Alters der Patientin nicht mehr erfüllt werden kann. 

 

Die folgenden Grafiken zeigen die Grundlagen der Gonadentoxizität (Abb.1) und einen Chemotherapie induzierten Follikelverlust (Abb.2):

 

Gonadentoxizität

Chemotherapie induzierten Follikelverlust im Alter

Es bestehen heute verschiedene Optionen, die Fertilität auch nach der Chemotherapie zu erhalten. Diese Möglichkeiten sollen hier zusammenfassend dargestellt werden und in Bezug auf ihre Chance zu einer Schwangerschaft zu kommen diskutiert werden.  

Die Kryokonservierung (Tieffrieren von Eierstockgewebe) muss nach wie vor als experimentell gesehen werden, da es nur eine kleine Zahl von ausgetragenen Schwangerschaften gibt. Als günstige und reproduzierbare Methode hat sich die Vitrifikation von reifen Eizellen, Eizellen im Vorkernstadium und Embryonen gezeigt, wobei die Kryokonservierung von Embryonen in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz nach wie vor nicht erlaubt ist. Jedoch bieten diese Methoden eine reproduzierbare Schwangerschaftsrate, sodass sie durchaus den onkologischen Patienten mit späterem Kinderwunsch empfohlen werden können.  

 

Neben der Kryokonservierung zum Fertilitätserhalt ist die Kryokonservierung von Eizellen und Embryonen heute integraler Bestandteil der Reproduktionsmedizin. Bei mehr als 1,2 Mio. geborenen Kindern von eingefrorenen Eizellen oder Embryonen hat sich diese Technologie zwischenzeitlich weltweit etabliert und findet ihre tägliche routinemäßige Anwendung in der Mehrzahl der Kinderwunschpraxen.  

Durch die Kryokonservierung von reifen Eizellen und Vorkernstadien können heute Schwangerschaftsraten von 20-35 % per Transfer erreicht werden. Es ist damit die Erfolgsrate dieser Methode ähnlich gut wie bei normalen Kinderwunschpatienten und es handelt sich um eine etablierte Behandlungsmethode für den Kinderwunsch. Bei dem Fertilitätserhalt geht man heute so vor, dass vor Beginn einer Chemotherapie die Eierstöcke durch Hormone stimuliert werden und dann zum Zeitpunkt vor der möglichen Ovulation durch eine Punktion der Follikel die Eizellen gewonnen werden. Es können dann die Eizellen mit Samenzellen zusammengebracht werden und die Eizellen können dann kurz vor der Befruchtung (Vorkernstadium) eingefroren werden. 

Es kann auch versucht werden medikamentös die Eierstockfunktion zu beeinflussen und zu erhalten. Hierfür gibt es Medikamente, die die Eierstockfunktion ruhig stellen. Es kann dann versucht werden nach der Chemotherapie die Eierstockfunktion wieder in Gang zu bringen. Diese medikamentösen Wege stehen jedoch noch am Anfang und Erfolgsraten sind nicht sonderlich gut (Schwangerschaftsrate 3 % per Embryotransfer). 

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Erhaltung der Fertilität heute möglich geworden ist und deshalb eine frühe Aufklärung bei Patientinnen mit einem Mammakarzinom erforderlich ist. Es muss über das Risiko eines Verlustes der Eierstockfunktion gesprochen werden und wie man dennoch die Fertilität heute erhalten kann. Es gibt heute verschiedene Optionen, die dargestellt wurden. Diese werden heute auch in Deutschland in dem wichtigen Projekt FertiPROTEKT dargestellt.  Hierüber kann man sich in jedem Kinderwunschzentrum informieren. Die medikamentöse Ruhigstellung der Eierstöcke ist bisher nicht sehr Erfolg versprechend, es muss deshalb versucht werden, die Fertilität durch die Kryokonservierung von Eizellen oder Eierstockgewebe vor der Chemotherapie zu ermöglichen und dadurch zu einem späteren Zeitpunkt die Fertilität zu erhalten. 

 

In der folgenden Tabelle sehen Sie eine Übersicht der Fertilitätsprotektion mit deren Möglichkeit und Chancen:

Fertilitätsprotektion Möglichkeit und Chancen

 

Fazit 

  • Denken Sie daran! Eine frühe Aufklärung über die Risiken eines ovariellen Funktionsverlustes muss angesprochen werden.
  • Fertilitätserhalt: Informieren Sie frühzeitig über Optionen, Ansprechpartner Reproduktionsmediziner, FertiPROTEKT.
  • Medikamentöse Ruhigstellung der Eierstöcke ist derzeit keine gute Option, Alternativen nutzen.
  • Onkologischer Therapieabschluss: Wenn möglich, Kinderwunsch zeitnah umsetzen, ovarielle Reserve ist vermindert (reduzierte Fertilität und vorzeitige Menopause).
  • Die Vitrifikation als Methode der Kryokonservierung von Eizellen (im Vorkernstadium) und Embryonen ist heute die Methode der Wahl.

 

 

 

21. August 2021 | Autor: Prof. Dr. Klaus Diedrich